20 Mär 2017

Psychotherapie mit Babies

Submitted by M.Geiger

Wie ist Psychotherapie mit Babies möglich? Eine Fortbildung (siehe Vortrag) hat mich auf dieses wichtige Thema gebracht. Babies sind extrem lernbereit und offen für alle Sinneseindrücke. Sie bekommen alles mit, auch wenn sie darüber noch nicht sprechen können. Sie zeigen sehr deutlich ihre Befindlichkeit und versuchen darüber zu kommunizieren. Der deutsche Körperpsychotherapeut Th.Harms meint auch, dass Babies einige Fehler aushalten, also geduldig mit uns sind, wenn wir sie nicht gleich verstehen. Dennoch: Wenn in der Anfangszeit vieles schief läuft, hat das Kind als Erwachsener massive Probleme.

Erlebnisfähigkeit von Babies

  • Hörvermögen im Bauch ab dem vierten Monat gegeben
  • andere vorgeburtliche Wahrnehmungsfähigkeit, Tastsinn, Schmecken, Lageveränderung erkennen
  • Einflüsse über die Befindlichkeit der Mutter - deren (Stress-) und andere Hormone, ihre Körperspannung,
  • der Geburtsvorgang selbst (waren sie gut unterstützt, konnten sie mitbestimmen, gab es Komplikationen)
  • ein eventuell stattgefundener Kaiserschnitt - besonders wenn keine Vorwehen bestanden haben
  • die erste Zeit danach, Stress in der Beziehung, Veränderung in der Paarbeziehung
  • hier finden Sie einen schönen Überblick zu den Fähigkeiten und Reifezeichen von Babies

Seit wann brauchen Babies schon Therapie, die haben doch noch so wenig erlebt und wie kann da bereits eine Schädigung eingetreten sein?

Babies haben bereits vor ihrer Geburt einiges erlebt. Sie kennen Körpergeräusche, spüren Körperspannung, kommunizieren bereits mit ihrer Mutter und leben mit ihren Eltern zusammen. Daher bekommen sie auch mit, wenn negative Spannungen, Ängste oder Traurigkeit den Alltag beherrschen. Keine Sorge, nicht jeder Konflikt belastet das Ungeborene gleich. Jedenfalls sind sie nach der Geburt ganz darauf angewiesen, dass eine gute Bindung entsteht, denn davon hängt wieder ihre eigene zukünftige BIndungsfähigkeit ab. Wie wichtig dies für Kleinkinder ist, darüber berichtet dieses Video von Dr. Edvard Tronick

 

Babies und besonders ihre Eltern brauchen dann Hilfe, wenn es den Eltern mit der neuen Situation längere Zeit (Wochen) nicht gut geht.

  • Wenn sie Erschöpfung, Verzweiflung, Aggression verspüren und dies nicht in den Griff bekommen,
  • wenn sie sich (und das Baby) nicht beruhigen können
  • dringend benötigen sie Hilfe, wenn der Kontakt zum Baby nicht gelingt und sie sich fremd damit fühlen,
  • wenn sie ein schlechtes Gewissen haben, weil sie keine oder nur wenige mütterliche/väterliche Gefühle verspüren,
  • Klar ist, wenn Eltern häufig Angst oder starke Unsicherheit empfinden wirkt sich dies auch auf das Baby aus.

Besonders wenn der Start ins Leben nicht einfach war. Wenn die Mutter während der Schwangerschaft großem Stress /Angst ausgesetzt oder alleine mit der neuen Situation war. Besonders auch bei Geburtskomplikationen. Ein Kaiserschnitt z.B. stört den natürlichen Ablauf der Geburt massiv, denn das feine Zusammenspiel von Mutter und Kind wird durch Narkose, Körperverletzung, Stressausschüttung, unvorbereitete Trennung erheblich beeinflußt. (Buchtipp dazu: Körperpsychotherapie mit Säuglingen)

Psychotherapie mit Babies

Mit Babies kann man sprechen, besonders aber mit seinen Eltern. Der/die Therapeutin kann sich die Situation ansehen, sich die Geschichte erzählen lassen und wertvolle Rückmeldungen geben. Meist gibt es Auslöser und klare Zusammenhänge, warum es Eltern & Kind nicht gut geht. Insbesondere ist Beruhigung und Koregulation durch den Therapeuten wichtig! Die Therapie verhilft den Eltern zu mehr Sicherheit, der Kontakt (sichere Bindung) zum KInd wird wieder hergestellt. Wenn das Baby lange schreit entsteht große Unruhe, Sorge, Verunsicherung. Wenn dies häufig geschieht können Eltern zu aufgeregt und damit entmutigt werden. Psychotherapie mit Babies läuft über die Eltern und kann auch in körperlichen Interventionen bestehen. Halten, Streicheln, Sicherheit geben, Beobachten und Zeichen erkennen. Regulieren helfen, Thomas Harms, Videos.

Unaufhörliches Schreien von Babies (oder andauerndes Schweigen) ist ein deutliches Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Schreien lassen hilft dabei nicht weiter sondern macht die emotionale Situation des Kindes noch bedrohlicher. Schreibabies brauchen therapeutische Hilfe und deren Eltern erst recht. Wer hierzu mehr nachlesen möchte, Fachartikel von Paula Diederich.Bild: Babyfuesse mit Hand, Bildquelle: http://jaspers-fusspflege.at/wordpress/wp-content/uploads/2014/09/baby-fuesse.jpg

Säuglingsforschung

EntwicklungspsychologInnen haben entdeckt, dass schon ein Neugeborenes keineswegs ein „unbeschriebenes Blatt“ ist.

Sondern: ein mit vielen individuellen Anlagen und vorgeburtlichen Einfluss-Prägungen ausgestatteter kleiner Mensch ist. Dazu gibt es weltweit viele Studien in diesem Themenbereich. Als Beispiel entdeckten Forscher in Hongkong, dass schon sehr junge Säuglinge auf die Lautbildung der elterlichen Sprache geprägt wurden. Sie ließen eine deutliche Unterscheidungsfähigkeit zwischen englischen und chinesischen Sprechern erkennen.

Erkenntnisse aus der Medizin zeigen: Babies und Kinder sind keine "kleinen Erwachsenen" sondern ticken einfach anders. Zum Beispiel bedürfen sie eigener Medikamente. Es reicht nicht aus, die Medikamenten Dosis einfach dem Körpergewicht anzupassen. Hier steht die Forschung erst in den Anfängen. Folgender Artikel fasst das Thema Säuglingsforschung noch einmal gut zusammen.

    Bei der Therapie für Babies geht es um Kind und Eltern. Eine Störung möglichst früh zu erkennen und einen anderen Umgang zu finden macht Sinn. Allen Beteiligten wird damit viel Leid erspart.

     

    Mit besten Grüßen,

    Martin Geiger

     

     

    Weiterführende Literatur

    • Bindung durch Berührung: Schmetterlingsmassage für Eltern und Baby, Mechthild Deyringer
    • Emotionelle Erste Hilfe: Bindungsförderung – Krisenintervention, Thomas Harms
    • Unser Baby schreit so viel, Paula Diederich